Myopia Care – Barrieren überwinden

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Interview mit Pascal Blaser und Nick Dash

(Englische original Version ist im Magazin "GlobalContact" erschienen) 

Ein Thema, das seit Jahren auf den meisten Kongressen rund um das Sehen eine große Rolle spielt, ist die zunehmende Ausbreitung der Myopie und Behandlung bzw. deren Prävention. Doch einen klaren Leitfaden, wie in den verschiedenen Ländern damit umgegangen und wie mit Betroffenen und deren Eltern kommuniziert werden soll, gibt es bisher (noch) nicht. 

Von Silke Sage | veröffentlicht im Augenoptiker Magazin FOCUS

Zwei Optometristen ein Ziel: Die Zusammenarbeit von Pascal Blaser aus der Schweiz und Nick Dash aus Großbritannien verfolgt das Ziel, das Ausmaß der „Myopie-Epidemie“ zu reduzieren. Derzeit reagieren die meisten Augen­optiker routinemäßig auf die kontinuierliche Verschlechterung der Myopie Jahr für Jahr, ohne nach Methoden zu fragen, die möglicherwiese diesen Prozess verlangsamen würden. Die moderne Wissenschaft hat Augenoptikern solche Methoden an die Hand gegeben und für die beiden Optometristen ist es eine Pflicht diese mit den Betroffenen zu besprechen und in Betracht zu ziehen.

Mit „Myopia Care“ möchten die beiden Experten die Barrieren überwinden, die die Annahme dieser Myopiekontroll-Strategien verhindern. Um dies zu erreichen, ist ihrer Meinung nach eine verständliche Kommunikation zwischen Patient und Anpasser notwendig, um den Prozess bei jedem Schritt zu begleiten mithilfe von Wissenschaft und Weiterbildung.

Nick Dash (links), Pascal Blaser (rechts)
Foto: Silke Sage

FOCUS: Welche Motivation steckt hinter „Myopia Care”? Wer hatte die Idee dazu?

Nick Dash: Ich hielt mich bei meiner Arbeit zu diesem Thema seit über zehn Jahren an ein Protokoll. Ich war jedoch frustriert, denn es schien, als kämen manche weiter. Wir alle wissen um die „Epidemie der Myopie“ rund um den Globus, inklusive Europa und dem Westen. Aber bisher hat niemand etwas diesbezüglich getan.

Es war an der Zeit, das zu ändern: Das war unsere Motivation.

Eins der üblichen Probleme, sobald man mit der Myopiekontrolle beginnt, ist die fehlende Kommunikation. Die Idee war, das Internet zu nutzen, als Quelle der Recherche und um Patienten Informationen zur Verfügung zu stellen. Ich wollte einen Index schaffen, der das Risiko nicht nur einer Kurzsichtigkeit, sondern auch das Risiko anderer Erkrankungen verbunden mit einem bestimmten Längenwachstums des Auges voraussieht. Das war der Anfang. Pascal und ich begannen damit, einen Algorithmus zu entwickeln, mit dem der Level der Myopie prognostiziert werden kann.

Der Algorithmus beruht auf zahlreichen wissenschaftlichen und medizinischen Veröffentlichungen aus der ganzen Welt, basierend auf Genetik, den Eltern, den Großeltern, dem Alter der Kinder, in der die Myopie begann.  All diese Faktoren spielen eine Rolle und wir können die Eltern über das potentielle Risiko, dass die Kinder eine Myopie im Laufe ihres Lebens entwickeln informieren.

FOCUS: Wie schätzen Sie die Myopie betreffend den Unterschied zwischen Asien und Europa ein?

Nick Dash: : Wir haben neben anderen Faktoren auch einen Gebiets-Index. Dadurch kennen wir die gentischen Profile, die Menschen prädisponieren, myop zu werden.

Pascal Blaser: Das ist auch für die Zukunft wichtig: Welche Rolle spielt die Genetik? Welche Punkte müssen wir in Zukunft beachten?

Nick Dash: Sie kennen sicherlich die Studie mit asiatischen Kindern in Singapur und asiatischen Kindern in Sidney. Das Ergebnis bezogen auf die Prävalenz der Myopie war sehr unterschiedlich. Diese Studie zeigt, dass es eine genetische Prädisposition gibt, aber auch andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen wie der Lebensstil oder die Zeit, die draußen verbracht wird. Diese Faktoren sind in unseren Algorithmus auf unserer Webseite eingeflossen.

FOCUS: Who is the target group?

Nick Dash: Eltern, Kinder, die Kontaktlinsenanpasser. Diese Anpasser brauchen auch Hersteller, die spezielle Produkte für die Myopiekontrolle entwickeln. Insofern unterstützen wir den gesamten Prozess. Myopia Care ist ein öffentliches, frei nutzbares Portal. Es leitet zu ausgewiesenen Anpassern, die die entsprechende Ausbildung und die Bereitschaft zu helfen haben. Außerdem unterstützt es die Hersteller.

FOCUS: Wie viele Optometristen sind in Ihrer Datenbank zu finden?

Pascal Blaser: als 300 in 16 Ländern. Zum Beispiel in Hong Kong, Neuseeland, Australien, Europa, hier hauptsächlich Deutschland, die Schweiz und England. Die Webseite gibt es in neun Sprachen und es werden weitere folgen.

FOCUS: Wie gewährleisten Sie, dass die Optometristen qualifiziert sind?

Nick Dash: Sie müssen eine bestimmte Ausbildung in der Myopieversorgung vorweisen und sie müssen Vorträge qualifizierter Experten besucht haben.

FOCUS: In Deutschland beispielsweise wäre das schwierig: Wir haben kein Qualifizierungssystem, wie Sie es beschreiben.

Pascal Blaser: Ich kenne zahlreiche deutsche Optometristen, die auf unserer Webseite vertreten sind persönlich. Oder sie wurden durch andere vertrauenswürdige Optometristen empfohlen. In anderen Fällen rufe ich sie an und frage, was sie in Sachen Myopiekontrolle tun und welche Ausbildung sie haben. In Zukunft werden wir Webinare anbieten, und bevor sie auf unserer Webseite gelistet werden, müssen sie ein solches absolvieren.

Nick Dash: Und sie müssen es Jahr für Jahr wiederholen, so dass es eine fortwährende Ausbildung ist. Tatsächlich ändert sich vieles auf diesem Gebiet in relativ kurzer Zeit.

FOCUS: Meiner Erfahrung nach wissen viele Augenoptiker über Myopiekontrolle Bescheid, sie haben also das Wissen aber sie sind trotzdem zurückhaltend, wenn es darum geht, die Eltern darauf anzusprechen. Denn die progressive Myopie ist etwas, das dem Kind in der Zukunft widerfahren kann, aber es ist nicht in Zahlen und Fakten vorherzusehen.

Nick Dash:

Es stimmt, da gibt es einige Hürden. Augenoptiker, Optometristen und Ärzte sind oft sehr beschäftigt und haben wenig Zeit für andere Dinge. Die Informationslage ist gut, aber nur wenige haben einen Überblick über alle Möglichkeiten der Myopiekontrolle. Daher möchten wir diesen Überblick bieten. Dabei müssen wir global denken, wir möchten uns nicht allein auf eine Behandlung verlassen. Unsere Webseite ist eine geeignete Informationsquelle für die Betroffenen und die Eltern. Damit ist das Angebot neutral aus der Perspektive Dritter und nicht allein aus der des Arztes oder Anpassers, der eigene Interessen verfolgt. Damit sind die Patienten vor dem Arztbesuch informiert, das beschleunigt den ganzen Prozess. Und es erzeugt Bewusstsein für die Situation bei den Eltern.

Der Arzt oder der Anpasser entscheidet anschließend über das Vorgehen und die entsprechenden Produkte. Beispielsweise ist Ortho-K nicht immer geeignet.

Pascal  Blaser: Wir haben einen Algorithmus, um bestimmte Produkte vorzuschlagen, aber die Anpasser können ihre eigene Wahl treffen.

FOCUS: In einigen Ländern ist Atropin für die Anpasser keine Option, da es nur von Ärzten verwendet werden darf. Wie gewährleisten Sie, dass alle Möglichkeiten auf den Tisch kommen für eine bestmögliche Versorgung?

Pascal Blaser: Wenn ein Augenoptiker registriert ist, findet er seine Lieferanten und Produkte in seinem Land und wählt: „Ich möchte nur Ortho-K Linsen und Weichlinsen zeigen und kein Atropin.” So werden nur diese Produkte gezeigt die man dann auch anbieten kann.

Die Produkte auf unserer Webseite sind länderspezifisch. Wir kontaktieren die Hersteller und fragen, ob sie ihre Produkte in unser System stellen wollen. Es ist viel Arbeit für uns, die Produkte zu listen und es braucht auch eine gewisse Zeit, um eine Verbindung mit den Herstellern aufzubauen. Deswegen hat Nick am EFCLIN-Kongress teilgenommen, um mit den Herstellern in Kontakt zu kommen.

FOCUS: Führen Sie auch selbst Studien durch?

Nick Dash: Unsere Software sammelt Daten, die hilft, die Behandlungsprotokolle zu verfeinern. Die Daten werden in speziellen Patientengruppen gesammelt, sodass die Software schließlich eine besser geeignete Strategie vorschlagen kann. So können Hersteller und Experten die Leistungen, die sie bieten, verbessern. Selbstverständlich sind persönliche Daten auf unserer Webseite völlig sicher.

FOCUS: Gehen die Daten der Anpasser an Sie zurück?

Pascal Blaser: Derzeit haben wir ein Nachkontroll-Fragebogen für die Anpasser. Alle sechs Monate kontrollieren wir diesen, um zu sehen, wie effizient ein bestimmtes Produkt ist. Das kann durch die Nachkontrollen ermittelt werden.

Nick Dash: Es wird sicher toll sein, hier in zwei bis drei Jahren wieder zusammenzutreffen und Ihnen alle Produkte zu zeigen und Informationen zu liefern, die wir sammeln konnten.

FOCUS: Wie können Sie die Kontaktlinsenindustrie unterstützen?

Nick Dash: Ich hoffe, sie entwickeln noch bessere Produkte und unterstützen uns darin, die Botschaft an Experten und in der Öffentlichkeit zu verbreiten, indem sie ihre Kontakte und ihre Daten nutzen. Auf diese Weise wächst das Bewusstsein um die Myopiekontrolle. All das beruht auf einer wissensbasierten Herangehensweise. Wir würden gern Sponsoren finden, um die Botschaft zu verbreiten. Wir möchten alle Menschen zusammen bringen, die mit Augengesundheit zu tun haben. Das Wissen über Myopiekontrolle über unsere Webseite zu verbreiten, kann ein Vorteil für alle sein.

Pascal Blaser: Die Hersteller können mit den Spezialisten in ihren Ländern sprechen, um mit Myopia Care in Kontakt zu kommen, denn wir kennen die Spezialisten nicht, die Hersteller schon.

Wir stehen im Kontakt mit einigen Universitäten zum Beispiel in Portugal, Kanada und Italien und sie werden unseren standardisierten Fragebogen nutzen, so erhalten wir mehr Daten. Darüber hinaus ist der chinesische Markt sehr interessant und wir möchten Kontakt mit einigen chinesischen Herstellern und Spezialisten herstellen.

Nick Dash: In diesen Ländern könnten „Botschafter“ helfen, das Wissen um die Myopiekontrolle zu verbreiten. Das wäre unser Wunsch.

FOCUS: Wer unterstützt Sie finanziell?

Nick Dash: Bisher haben wir alles allein finanziert. Aber bald werden wir Unterstützung benötigen, um den Service erweitern zu können und auszubauen. Uns liegt viel daran, es als freie Informationsquelle für die Öffentlichkeit zu erhalten. Es wäre schön, von allen, die ein Interesse daran haben, Myopia Control voranzubringen, unterstützt zu werden. Das gilt besonders für die Industrie und die Fachverbände! 

Unser Ziel ist es, dass jedes Kind der Risikogruppe einen Spezialisten in einer Entfernung von maximal einer Fahrstunde erreichen kann. Außerdem möchten wir helfen in Europa zu verhindern, dass Kinder immer myoper werden, dass sie immer stärkere Brillen tragen müssen und ein immer höheres Risiko von myopiebedingten Augenerkrankungen haben.

Pascal Blaser: Wenn wir das erreicht haben, können wir das Thema in der Öffentlichkeit voranbringen. Aber jetzt brauchen wir erst einmal die Spezialisten, um die Orte angeben zu können, wo Suchende auf unserer Webseite Hilfe finden.

Nick Dash: Dann können wir die sozialen Medien und die Presse nutzen, um das Bewusstsein dafür in der Öffentlichkeit zu steigern.

FOCUS: Welche Länder sind am aktivsten?

Pascal Blaser: In Europa: Großbritannien und Deutschland. Auch in anderen Ländern werden wir sehr unterstützt. Optometristen bzw. Augenoptiker empfehlen sich gegenseitig, auch wenn Sie Konkurrenten sind. Sie glauben an unsere Idee.

Nick Dash: Wir erleben, dass Anpasser nach einer bestimmten Kontaktlinse fragen, um ihr Angebot auszubauen. Es gibt neue Produkte auf dem Gebiet der Myopieversorgung. Wir hoffen, wir tragen dazu bei, dass die Spezialisten die neusten Entwicklungen in ihr Angebot zur Myopiekontrolle einbinden. Das können Kontaktlinsen, Brillengläser, pharmakologische Lösungen oder Literatur sein. Es ist sehr interessant, denn hier helfen wir ihnen neue Produkte anzubieten, damit sie mit einem Service rund um die Myopie-Versorgung beginnen können.

FOCUS: Welchen Vorteil hat es für einen Augenoptiker oder Optometristen auf Ihrer Webseite registriert zu werden?

Nick Dash: Als erstes: Mehr Kunden zu bekommen. Zweitens: Sie verbessern ihre Webseiteninformationen über Myopia Care und sie können mit ihren Kunden effektiver umgehen. Zu guter Letzt: Mehr über Myopiekontrolle zu erzählen. Patienten bzw. Kunden mögen es, eine dritte Partei als eine unabhängige Quelle zu haben, die validiert, was der Augenoptiker, Optometrist oder Arzt sagt.

Pascal Blaser: Ein anderer Vorteil ist Kundenbindung. Wenn die Eltern den Erfolg bei ihren Kindern sehen, werden sie den Anpasser nicht wechseln!

FOCUS: Vielen Dank!

 

Dieses Interview ist zuerst in englischer Sprache in GlobalCONTACT aus dem Verlag des FOCUS in der aktuellen Ausgabe 17_02 erschienen.

Quelle: FOCUS 2017_07/08

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